Praxiswerkstatt Regensburg

23.6.2022
9:00 - 16:30 Uhr
Degginger und Co-Creative-Lab
Degginger und Co-Creative-Lab
Kreative Orte und Netzwerke – Schlüssel für aktivierende Stadtentwicklung

Agenda

09:00-9:30

Ankommen mit Kaffee und Snack im Degginger, Wahlenstraße 17

09:30

Begrüßung „viermal drei Minuten“, Erkenntnisinteresse und Agenda

Vernetzungsinitiative Gemeinsam für das Quartier; Bayerisches Staatsministerium für Heimat- und Finanzen; Bayerischer Landesverband Kultur und Kreativwirtschaft; Stadt Regensburg;

Impuls 1 „AUF DEM WEG ZUR KREATIVEN STADT“

09:50-10:20 Uhr

MINDSET UND STRATEGIE: KULTURELLE STADTENTWICKLUNG

Dr. Matthias Rauch, Leitung Kulturelle Stadtentwicklung & Kultur- und Kreativwirtschaft, NEXT Mannheim

10:20-10:50 Uhr

Diskussionsrunde 1 „AUF DEM WEG ZUR KREATIVEN STADT“

Gibt es den Fahrplan zur kreativen Stadt? Wie spielen Kreative Orte, Creative Communities und kommunale Strategien zusammen?

Tanja Flemmig, Leiterin des Stadtplanungsamtes Regensburg; Carola Kupfer, Präsidentin BLVKK München; Dr. Matthias Rauch, Leitung Kulturelle Stadtentwicklung & Kultur- und Kreativwirtschaft, NEXT Mannheim; Bernd Rohloff, Vorsitzender Architekturkreis Regensburg e.V.;

Moderation: Dr. Ulrich Berding, plan zwei Stadtplanung und Architektur, Hannover;

10:50-11:00 Uhr

kurze Kaffee- und Energiepause

Impuls 2 „TYPOLOGIEN KREATIVER ORTE - WIRKUNGEN UND MEHRWERTE“

11:10-11:30 Uhr

GFDQ – TYPOLOGIEN KREATIVER ORTE – EIN ÜBERBLICK

Prof. Reiner Schmidt, Vernetzungsinitiative Gemeinsam für das Quartier, Hannover

11:30-11:50 Uhr

WHAT THE KIOSK – „EINEN ORT GESTALTEN, DEN JEDER KENNT“

Florian Rottke, Traffikant und Geschäftsführer von kleinlaut, Büro für Gebrauchsgraphik & Ideen aller Art, Regensburg

11:50-12:10 Uhr

CAMPUSVÄRE – „WERKSTATT ZUR ENTWICKLUNG DER ZUKUNFT“

Bettina Steindl Mag., Geschäftsführung und Kuration Creative Institute Vorarlberg CampusVäre, Dornbirn in Österreich

12:10-12:40 Uhr

Diskussionsrunde 2 „TYPOLOGIEN KREATIVER ORTE - WIRKUNGEN UND MEHRWERTE“

Wie verändern Kreative Orte eine Straße, ein Areal, ein Quartier? Gibt es Kategorien und Raster, um Kreative Orte zu charakterisieren?

Bettina Steindl Mag., Geschäftsführung und Kuration Creative Institute Vorarlberg CampusVäre, Dornbirn in Österreich; Florian Rottke, Traffikant und Geschäftsführer von kleinlaut, Regensburg; Anne Gericke, Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft der Landeshauptstadt München; Maria Lang, Leiterin des Kulturamts Regensburg;

Moderation: Prof. Reiner Schmidt, Vernetzungsinitiative Gemeinsam für das Quartier, Hannover;

12:40-13:30 Uhr

Mittagspause im Degginger, Wahlenstraße 17

13:30-14:00 Uhr

Transfer: Degginger > What the Kiosk am Neupfarrplatz > Taxis > Co-Creative-Lab, Auweg 7, 93055 Regensburg > Kreativareal Stadtlagerhaus

14:10-14:50 Uhr

„GEDANKENGANG“ KREATIVAREAL STADTLAGERHAUS, Führung

Eva-Maria Morel, Projektleitung Kreativareal Regensburg im Clustermanagement Kultur- und Kreativwirtschaft, Stadt Regensburg

14:50-15:10 Uhr

Kaffeepause „Energiebooster“, 2. Etage im Stadtlagerhaus, Wiener Straße, 93055 Regensburg

Impuls 3 „PROZESSDESIGN: EINEN KREATIVEN ORT ENTSTEHEN LASSEN“

15:10-15:30 Uhr

PLACEMAKING UND KO-KREATIVE PROZESSBEGLEITUNG

Dr. Cordelia Polinna, Gesellschafterin Urban Catalyst GmbH, Berlin

15:30-15:50 Uhr

DRITTE ORTE: ENTWICKLUNG, BETRIEB, POSITIONIERUNG

Thomas Kästle, eloprop GmbH, Agentur für Standorte und Immobilien, Regensburg

15:50-16:20 Uhr

Diskussionsrunde 3 „PROZESSDESIGN: EINEN KREATIVEN ORT ENTSTEHEN LASSEN“

Wie lässt man einen konkreten, kreativen Ort, ein kreatives Areal oder Quartier entstehen? Welche Stakeholder*innen haben welche Interessen an kreativen Orten und Quartieren?

Dr. Cordelia Polinna, Geschäftsführende Gesellschafterin Urban Catalyst GmbH, Berlin; Thomas Kästle, eloprop GmbH, Agentur für Standorte und Immobilien, Regensburg; Publikumsdiskussion;

Moderation: Dr. Ulrich Berding, plan zwei Stadtplanung und Architektur, Hannover; Prof. Reiner Schmidt, Vernetzungsinitiative Gemeinsam für das Quartier, Hannover;

16:20-16:32 Uhr

Dreimal WRAP UP in 4 Minuten – ERKENNTNISSE & FRAGESTELLUNGEN

Sebastian Knopp, Clustermanager Kultur- und Kreativwirtschaft, Stadt Regensburg; Stephanie Reiterer, BLVKK; Dr. Ulrich Berding, plan zwei Stadtplanung und Architektur, Hannover;

16:32-16:40 Uhr

Ausblick und Verabschiedung

Stephanie Reiterer, BLVKK, Plattform Kreative Orte Bayern

Carola Kupfer, Präsidentin BLVKK München

16:40 Uhr

Ende der Veranstaltung

report

Ergebnis

Kreative Orte und Netzwerke – Schlüssel für aktivierende Stadtentwicklung

Praxiswerkstatt „Kreative Orte und Netzwerke“ in Regensburg

Was sind kreative Orte und Netzwerke? Wie entstehen sie und wie werden sie zu Keimzellen für eigendynamische Kreativquartiere und eine aktivierende Stadt- oder Regionalentwicklung? Wie können Kultur- und Kreativschaffende die Entwicklung solcher Orte beeinflussen und Transformationsprozesse befördern? Damit befasste sich die Vernetzungsinitiative „Gemeinsam für das Quartier“ in der Praxiswerkstatt am 23. Juni 2022 in Regensburg.

Typologien kreativer Orte und Netzwerke in der Vernetzungsinitiative

Seit dem Beginn unserer Vernetzungsinitiative „Gemeinsam für das Quartier“ haben wir eine Menge unterschiedlicher kreativer Orte und Netzwerke kennengelernt. Die Vernetzungsinitiative betrachtet eine aktivierende, kooperative und gemeinwohlorientierte Stadt- und Quartiersentwicklung aus den drei Perspektiven: Orte, Formate und Strategien. Kreative Orte und Netzwerke sind beispielsweise Kultur-Kioske, Creative Hubs als Zentren für Kreativschaffende, Community Center, kreative Ökosysteme, die über die Stadt verteilt sind, sowie Kreativquartiere. Sie bieten verschiedenen kreativen Formaten eine Plattform, sind Räume zum Experimentieren – im Sinne von Reallaboren oder LivingLabs – Anlaufstellen für ein Community-Building und Schnittstellen verschiedener Akteur:innengruppen. Strategisch spielen sie in vielen Kontexten eine Rolle, es gibt sie sowohl in Innenstädten und Wohnquartieren als auch im ländlichen Raum. Dementsprechend sind kreative Orte konzeptioneller Teil von Innenstadt-, Wohn- und ruralen Strategien. Um ein genaueres Bild von ihrer Entstehung und von ihren Wechselwirkungen mit Quartier, Stadt und Region zu bekommen, stellte die Praxiswerkstatt einige kreative Orte vor. Ziel ist es u. a. zu lernen und Ideen zu entwickeln, wie belebende Prozesse und Initiativen, die von kreativen Orten ausgehen, befördert werden können.

Ein kreativer Ort mit Strahlkraft: Das Degginger

Die Veranstaltung selbst fand in dem zentralen Kreativort von Regensburg statt, dem Degginger. Einst eine überregionale Buchhandlung mitten in der historischen Altstadt gibt das Gebäude nun verschiedenen kulturell-kreativen Aktivitäten und der Regensburger Kreativwirtschaft-Community eine Heimat mit Strahlkraft. Die Stadt hat die Räumlichkeiten der lokalen Kultur- und Kreativbranche zur Verfügung gestellt. Entstanden sind neben einem Café mit multifunktionalem Veranstaltungsraum, Co-Working-Räumen und einem Gründer:innenzentrum jede Menge Kulturangebote, wie unter anderem Konzerte und Ausstellungen, es finden hier aber auch Vernetzungstreffen statt. In zwei Stockwerken bietet das Degginger Cross-Innovation-Veranstaltungen an, also Treffen, bei denen Kreativschaffende beispielsweise mit Unternehmen oder Personen aus dem verarbeitenden Gewerbe disziplinenübergreifend zusammenarbeiten. Betreut wird das Degginger von einem dafür geschaffenen drei-köpfigen Clustermanagement der Stadt Regensburg.

Kulturelle Stadtentwicklung: Mannheim auf dem Weg zur kreativen Stadt

Wie gelingt es eine kulturelle Stadtentwicklung zu etablieren? Dafür ist die Stadt Mannheim ein gutes Beispiel. Dr. Matthias Rauch von NEXT MANNHEIM, einer hundertprozentigen Tochter der Stadt mit 50 Mitarbeiter:innen, berichtet von den städtischen Aktivitäten, mit denen Mannheim seit 2001 mit der Einstellung eines Rock- und Pop-Beauftragten, der 2005 gegründeten Pop-Akademie, der Clusterförderung z.B. in Medizin, Smart Mobility und Musikwirtschaft, einem Beteiligungsfonds und einem Kleinprojektfonds konsequent und kontinuierlich Schritte in Richtung einer kreativen Stadt geht. Die Musik hat bei dieser Ausrichtung einen besonderen Stellenwert. Mittlerweile bestehen acht „Hubs“ als Kreativ- und Gründer:innen-Zentren mit verschiedenen Schwerpunkten. Außerdem gibt es eine Zwischennutzungs-Plattform, durch die Modelabels leerstehende Räume in der Stadt finden und sie temporär als Verkaufs- und Ausstellungsfläche nutzen können.

„Dieser Prozess hat vergleichsweise top-down stattgefunden und insbesondere mit unserem Oberbürgermeister zu tun, der das Thema als ehemaliger Kulturbürgermeister stark vorangetrieben hat“, erklärt er. Die Projekte der Stadt sind vielfältig: So führten sie beispielsweise den ersten deutschen „Nachtbürgermeister“ im Jahr 2018 ein, der in nachts hochfrequentierten Gegenden zwischen verschiedenen Akteur:innen wie der Stadt, Bürger:innen und den öffentlichen Verkehrsbetrieben vermittelt, um Konflikte zu vermeiden. Aber auch Place-Making-Projekte wie „das kleine Parkraumwunder“ wurden umgesetzt. Bei diesem Projekt wurde in Kooperation mit dem Baumarkt Bauhaus ein einfaches originalgroßes Holzauto gebaut und auf den Parkplätzen der Stadt abgestellt – was rechtlich erlaubt ist. Zwar ohne Motor, konnte es aber als Sitzfläche genutzt und nach Belieben verschoben werden. Die Nutzer:innen des öffentlichen Raums hatten nun also die Freiheit, kreativ mit einem ansonsten nur zum Parken zur Verfügung stehenden Raum umzugehen und ihn nach ihren Vorstellungen umzunutzen. Einen ganz ähnlichen Ansatz verfolgt die „Haltestelle Fortschritt“, die mit temporärer Architektur, Festivals und weiterer Bespielung einen bisher ungenutzten Restraum zur Kultur-, Sport und Veranstaltungsstätte umdefiniert.

Insgesamt betont Dr. Matthias Rauch, wie wichtig es ist, den Mehrwert kultureller Leistungen anzuerkennen. So fasst er in Bezug auf ein Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft mit der Industrie- und Handelskammer zusammen: „Kultur ist ein harter Wirtschaftsfaktor und ein Treiber für Innovation und andere Branchen“. Den besonderen Mehrwert, den Künstler:innen und Kreative dabei schaffen, ist, dass sie mit Unsicherheit, Wandel und auch dem Scheitern produktiv und konstruktiv umgehen können und damit für Transformationsprozesse enorm gewinnbringend sind. Außerdem denken sie assoziativ und agieren in Netzwerken. Deshalb seien auch die von NEXT MANNHEIM geförderten Resedencies von Kreativschaffenden in traditionellen Unternehmen sehr erfolgreich, wie gemeinsame Projekte zwischen Mediziner:innen und Musiker:innen zur Verbesserung von Operationsmethoden zeigen.

Auch wenn Mannheim diesen Weg konsequent verfolgt hat und mittlerweile auch international als Kreativ-Metropole etabliert ist, gab es kein konkretes Bild oder eine Zielprojektion im Sinne eines umfassenden Konzepts, sondern eher verschiedene, teils parallele Vorstellungen und ein Nebeneinander konzeptioneller Überlegungen und vieler konkreter Aktivitäten. Entscheidend für den Erfolg sind das Vertrauen zu verschiedenen Stakeholdern, belastbare Arbeitsbeziehungen und NEXT MANNHEIM als Ansprechpartner und Vermittler, auch bei Konflikten. Stadtplanerisch könne man mit den Aktivitäten zwar keine kreativen Orte etablieren, aber bei der Implementierung unterstützen.  

Den Stellenwert von Kultur und Kreativität politisch anerkennen

In der gemeinsamen Diskussion wurde vor allem die Haltung der Stadt- und Landesverwaltungen angesprochen. Der Vorsitzende des Architekturkreis Regensburg, Bernd Rohloff, betonte: „Das Unterstützen von Kultur- und Kreativschaffenden ist ein Bekenntnis von Seiten politischer Entscheider“. Nur durch diese Haltung und das Bekenntnis zu den Kreativ- und Kulturschaffenden sei der Weg in Richtung einer kreativen Stadt möglich, waren sich alle einig. Aus praktischer Sicht ist es außerdem wesentlich, den Kultur- und Kreativschaffenden nicht nur einen Ort zur Verfügung zu stellen, sondern sie auch durch eine Struktur zu unterstützen. Dennoch kann eine Stadt gerade bei kreativen Prozessen nicht von einem vor 20 Jahren erstellen Masterplan ausgehen, der abgearbeitet wird, sondern muss den Prozess hin zu einer kreativen Stadt flexibel halten und immer wieder anpassen und durch kontinuierliche Aktivitäten und Projekte wirken. „Es geht mehr darum den Kreativschaffenden eine Perspektive und Ressourcen zu bieten“, fasst Bernd Rohloff zusammen. Hierfür ist ein konstruktives Zusammenwirken von Stadtentwicklung, Kultur- und Wirtschaftsförderung notwendig. Diese müssen ihre Ressourcen für die Unterstützung der Kultur- und Kreativschaffenden und das Etablieren kreativer Orte und Communities gezielt und gemeinsam einsetzen. Dabei sollten teilweise bestehende „Ressortegoismen“ in Bezug auf die Verantwortungen überwunden werden. Diese Herausforderung besteht genauso bei der übergeordneten Landes- und Bundesebene.

Kreative Orte gestalten: Kiosk als Begegnungsort

Florian Rottke der Designagentur klein,laut stellte den von ihm gestalteten Kultur-Kiosk vor, „What the Kiosk?“ in der Regensburger Innenstadt am Neupfarrplatz. Nachdem der ehemalige Besitzer den Kiosk aufgab und dieser vorübergehend leer stand, entschieden sich Florian Rottke und seine Mitarbeiter:innen, den Kiosk zu übernehmen. Nun gibt es dort ausgefallene Zeitschriften, guten Kaffee, Süßigkeiten, und die Schaufenster werden als „analoge Suchmaschine“ von unterschiedlichen Händler:innen der Umgebung angemietet und gestaltet. Das Wichtigste war für Florian Rottke aber der soziale Aspekt: „Es geht immer um die Menschen, um die Geselligkeit, die Menschen zusammenzubringen und darum zwischen den Menschen Interaktion zu schaffen“. Genau das ist es, was klein,laut bei „What the Kiosk?“ erreicht hat. Obwohl sich im hinteren Teil des Kioskgebäudes eine öffentliche Toilette befindet, die von Drogenkonsum und Prostitution geprägt ist, wurde der Platz am Kiosk zu einem Ort der Begegnung und des Austauschs. „Der Kiosk bietet einen niedrigschwelligen Einstieg für Menschen, mit uns und anderen in Kontakt zu kommen“, erklärt Florian Rottke.

Die Geschichte des Ortes für die Transformation berücksichtigen

Vorarlberg in Österreich ist eine sehr traditionelle, von Industrie und mittelständischen Unternehmen geprägte kleinstädtische Region, die wirtschaftlich sehr erfolgreich ist. Die Stadt Dornbirn in Vorarlberg wollte im Gegensatz zu ihrer Region im Rahmen ihrer Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2024 den Wert der Kultur- und Kreativwirtschaft hervorheben und ihren Mehrwert für die Transformation der Region in die Zukunft sichtbar machen. Auch wenn die Bewerbung nicht erfolgreich war, hält die Stadt an dem Ansatz fest und transformiert 2021 die ehemalige Sägenhalle der Stadt in unmittelbarer Nähe zur Hochschule von Vorarlberg zu einem modernen Ort der Kultur und Kreativität. Nun bietet sie einen multifunktionalen Arbeits-, Lehr-, Forschungs- und Lebensraum, in dem Workshops und Vernetzungstreffen organisiert und Forschungsprojekte unterstützt werden. „Um einen Ort zu transformieren ist es immer wichtig die Geschichte des Ortes zu kennen zu lernen. So kann dann die Zukunft des Ortes geschrieben werden“, erklärt Bettina Steindl, Geschäftsführerin und Kuratorin des Creative Institute Vorarlberg CampusVäre. Deswegen starteten die Beteiligungsformate für die Transformation der Industriehallen mit einem Workshop zur Geschichte des Gebäudes. „Es ist wichtig, die Menschen sehr genau nach ihren Bedürfnissen zu fragen und sie auch mitzunehmen“, betont Bettina Steindl.

Kreative Orte brauchen ein anderes Verständnis von Räumen

Was zeichnet kreative Orte aus? „Sie müssen einen Impact haben, also in der Breite Menschen positiv beeinflussen, das kann durchaus auch durch Belustigung sein“, erklärt Florian Rottke. Und was brauchen Gestalter:innen kreativer Orte, damit diese gelingen? Anna Gericke des Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft der Landeshauptstadt München spricht sich dafür aus, dass andere und breiter gedachte Konzepte von Räumen gefördert werden, die auch junge und sozial schwache Personen inkludieren. Sie ist Goldschmiedin und arbeitet Teilzeit bei der Stadt München, gestaltete 2013 einen Concept Store für Mode, Schmuck und Bücher als Zwischennutzung in der Münchner Maximiliansstraße und bespielt jetzt mit anderen Kreativschaffenden für zwei Jahre den Creative Hub im Ruffinihaus in München. In dem stadteigenen Geschäftshaus mitten in der Münchner Innenstadt, dem Ruffinhaus, nutzt die Stadt acht Räume, damit Kreativschaffende Ideen und Marken ausprobieren können. „Wir brauchen aber auch nachhaltige Förderungen für recherchebasierte Projekte, die nicht konkret auf ein Ziel hinarbeiten, wie eine Ausstellung, Präsentation oder eine Theatervorführung.“ ergänzt Maria Lang, Leiterin des Kulturamts Regensburg. Es sollten Mittel über einen längeren Zeitraum zur Verfügung gestellt werden, um die Stadt zu erforschen. Auf dieser Grundlage aufbauend könnten Projekte umgesetzt werden.

Transformation des Regensburger Stadtlagerhauses zum Kreativareal

Als praktisches Beispiel der Werkstatt diente das ehemalige Stadtlagerhaus am Regensburger Westhafen, das zu einem Kreativareal werden soll. Eine Herausforderung dabei ist es, die künftigen Nutzungen in dem denkmalgeschützten Gebäude mit dem umliegenden aktiven Hafen in Einklang zu bringen. Anforderungen an Lärmschutz, Sicherheit und Zugänglichkeit, aber auch die bauliche Struktur des alten Lagerhauses, zu der unter anderem 50 Meter hohe Silos zur Getreidelagerung gehören, machen eine sensible und kreative Nachnutzung notwendig. Diese darf weder in Konflikt mit der für Regensburg wichtigen Hafennutzung stehen noch mit enormen Investitionen verbunden sein. Das Gebäude ist im Besitz des Stadtwerks Regensburg und liegt auf Flächen der Bayernhafen GmbH in Erbpacht. Eine erste Konzeptidee der Stadt zur Bespielung des Gebäudes ist, sechs Großmieter:innen mit unterschiedlichen Nutzungen die Räume zu überlassen. Nachdem eine Machbarkeitsstudie vom Stadtwerk durchgeführt wurde, sollen ab Herbst 2022 gemeinsam mit Urban Catalyst Nutzungen unter intensiver Einbeziehung der Kreativwirtschaft-Community für das Kreativareal überlegt werden.

Mitwirkung engagierter Kreativschaffender finanziell honorieren und Nutzungsziele definieren

Dr. Cordelia Polinna, Gesellschafterin von Urban Catalyst, berichtet von der Begleitung des Prozesses in der Alten Münze in Berlin. Bis 2007 wurden dort noch Münzen geprägt, aktuell werden die Räumlichkeiten mit verschiedenen Zwischennutzungen bespielt. Urban Catalyst führte Beteiligungsformate durch, um mit Vertreter:innen aus der Kultur- und Kreativszene Nutzungskonzepte für die verschiedenen Räume zu erörtern. Eine Herausforderung war dabei die Moderation der unterschiedlichsten Eigeninteressen der Mitwirkenden, da in Berlin bezahlbarer Raum für Kultur- und Kreativschaffende mittlerweile fehlt. Demnach war auch die Auswahl der Vertreter:innen sensibel zu gestalten. Ebenso wichtig war es, dass alle, die zusagten, an allen Treffen dabei zu sein, eine Aufwandsentschädigung von 150 Euro je Workshoptag erhielten. „Das hat die Motivation der Akteur:innen erhöht, an dem Format teilzunehmen und den Kreis der Teilnehmer:innen erweitert“, so Dr. Cordelia Polinna. Denn das ist eine Herausforderung: Kultur- und Kreativschaffende arbeiten meist selbstständig. Eine Mitarbeit beim Transformationsprozess wäre ohne Aufwandsentschädigung ehrenamtlich, was nicht einfach eingefordert werden kann. Hilfreich war bei diesem Prozess das gemeinsame Verabschieden einer Charta über die künftigen Zwecke und Nutzungen der Alten Münze. „So wurde verdeutlicht was der Ort Alte Münze überhaupt leisten soll“, erklärte Dr. Cordelia Polinna. Auch hier war die Vermittlung zwischen der Kreativ-Community, den beteiligten Senatsverwaltungen und der Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) als Eigentümerinnen mit unterschiedlichen Perspektiven herausfordernd.

Die Entwicklung Dritter Orte: Das Kopfkino der Nutzer:innen anregen

Mit dritten Orten sind nach dem Soziologen Ray Oldenburg jene Orte gemeint, die weder das Arbeitsleben noch das Zuhause umfassen. Es sind die Orte, an denen sich Menschen begegnen, wie Bibliotheken, Cafés, Vereinsräume, aber auch einfach Gemeinschaftsräume. Thomas Kästle von eloprop GmbH, Agentur für Standorte und Immobilien in Regensburg, berichtet von seiner Erfahrung mit der Entwicklung kreativer Orte und Quartiere. Er plädiert vor allem dafür, kleine Kommunen im Blick zu behalten, da es dort oft engagierte Kultur- und Kreativschaffende gibt, durch die Projekte entstehen, die auch auf das Interesse der Bürgermeister:innen stoßen und von ihnen befördert werden.

Ein anderes anschauliches Beispiel für Thomas Kästles Arbeit stellt die Entwicklung einer leerstehenden Gewerbefläche im Regensburger Western dar. Wegen ihrer Eigentumsverhältnisse und der Lage direkt vor einem Parkplatz hatte diese wenig Interessenten für eine Nachnutzung. Thomas Kästle ließ Plakate von visualisierten Nutzungsideen in die Schaufenster hängen. Die Plagte regten die Vorstellungskraft der Vorbeigehenden an, so dass sich bald eine Interessentin meldete. Gemeinsam mit ihr konnte ein genossenschaftlich betriebener Bio-Lebensmittelmarkt entwickelt werden. „Die Nutzer:innen rücken bei mir in den Mittelpunkt der Planung. Ist das nicht der Fall, dann fällt das Konzept in sich zusammen“, verdeutlicht Thomas Kästle. Dabei sei es insbesondere wichtig, dass Kommunen und Kreativschaffende in eine Kommunikation kommen und Betreibermodelle entwickeln. Denn, so fasst er zusammen, „am Ende geht es immer um das Geld“.

Einen kreativen Ort entstehen lassen: Mindset aller Akteur:innen muss sich ändern

In der Praxiswerkstatt zu den kreativen Orten wurde der Weg hin zu einer kreativen Stadt besprochen, die Mehrwerte und Wirkungen kreativer Orte diskutiert und der Prozess, einen kreativen Ort entstehen zu lassen, beschrieben. Immer wieder thematisiert wurde, dass Stadtverwaltungen durch ihre Haltung eine Wertschätzung kreativer Orte und Akteur:innen zeigen sollten. Denn die Wirkung dieser kreativen Orte ist eindeutig: Sie erhöhen die Standortattraktivität, befördern Innovation und sind Impulsgeber für viele andere Bereiche. Dafür muss sich auch das Mindset aller beteiligten Akteur:innen ändern, sodass auch die Kreativ- und Kulturschaffenden die Kommune als Partner bei dem Prozess sehen und alle ihre Erfahrungen einbringen können.

Außerdem stellte sich in den verschiedenen Diskussionen heraus, dass es wesentlich ist, dass die Kommune mit ihren verschiedenen Ämtern und Dezernaten gut zusammenarbeitet und sich mit ihren Förderungen nicht in den Verantwortungen überschneidet. Auch auf der Landesebene braucht es noch mehr Unterstützung. Aktuell erfolgen Förderungen hier noch punktuell durch verschiedene Ressorts und nicht integriert und ganzheitlich. Für die Kreativschaffenden ist es so schwer, die einzelnen Förderungen zu erhalten und miteinander zu kombinieren. Diese sollten ganzheitlich und sektorenübergreifend sein, aber in ihrer Wirkung nicht nur auf die Kreativwirtschaft an sich ausgerichtet sein, sondern auch die künstlerischen Impulse für die Stadtentwicklung inkludieren. Die Förderungen der Kultur, der Stadtentwicklung und der Wirtschaft sollten dabei ressortübergreifend zusammengedacht werden, den Kultur- und Kreativschaffenden in ihrem Engagement und Eigeninteresse helfen aber auch positive Wirkungen für den städtischen Raum und die Stadtgesellschaft entfalten.  

Eine weitere Herausforderung ist es immer noch, dass zu häufig Beiträge von Kultur- und Kreativschaffenden als unentgeltliches Ehrenamt erwartet werden. Das Beispiel der Alten Münze zeigt, dass eine entsprechende Honorierung umsetzbar ist und Erfolg verspricht. Für die Gestaltung des Transformationsprozesses sind beide hier vorgestellten Herangehensweisen wichtig: Zum einen das Vorgehen, wie es Thomas Kästle beschrieben hat, nämlich durch hypothetische Nutzungsszenarien neue Ideen hervorzulocken. Zum anderen hat sich die Herangehensweise bewährt, die Nutzer:innen konkret nach ihren Wünschen und Ideen zu fragen. Carola Kupfer vom Bayerischen Landesverband der Kultur- und Kreativwirtschaft (BLVKK) fasst zusammen: „Es braucht immer noch ein politisches Grundverständnis für die Kultur- und Kreativwirtschaft. Ein Bottom-up-Vorgehen der Kreativakteur:innen ist oft die Basis, aber ohne bestimmte Weichenstellungen von oben ist es schwierig, dass sich diese Akteur:innen etablieren“.

Was heißt das zusammenfassend für die Entwicklung kreativer Orte?

Wie sich auch auf der Praxiswerkstatt in Regensburg gezeigt hat, gibt es eine breite Palette an Träger:innen kreativer Orte und ein breites räumliches Spektrum kreativer Orte selbst – vom Kiosk bis hin zur ehemaligen Produktionshalle. Je nach vorhandenem Raumangebot unterscheiden sich auch die kreativen Orte voneinander. So können alle Angebote unter einem Dach versammelt sein – oder aber als kreatives Ökosystem mehrerer kleinerer kreativer Orte nebeneinander bestehen und sich gegenseitig befruchten. Kreative Orte bieten durch ihre offene Atmosphäre als Schlüssel aktivierender Stadtentwicklung Raum für gegenseitiges Kennenlernen und den Austausch der Akteur:innen untereinander. Auf diese Weise ist schon das Angebot kreativer Orte als Strategie wirksam und lohnt die Investition in Form einer nachhaltig verbesserten Kommunikation und Vernetzung der Akteur:innen der Stadtgesellschaft.

Abbildungen

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Fotos: Katharina Tenberge-Holzer